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Offener Brief des Bahnexperten Gerhard Müller an das Bundesverkehrs-Ministerium

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Lange,

die neuesten Meldungen über die Verzögerungen bei den Schieneninvestitionsvorhaben kann ich nicht unkommentiert hinnehmen! Was passiert denn mit dem Sondervermögen Infrastruktur in Höhe von 500 Mrd. Euro, wenn für dringend notwendige Verbesserungen in unserer Region Südostoberbayern das Geld fehlt (OVB vom 10.01.26: „Das ist ein katastrophales Signal“). Es betrifft mit der ABS 38 München-Mühldorf- Freilassing (-Salzburg) auch ein Projekt, dessen Notwendigkeit immer dringlicher wird zur Entlastung der Strecke München-Rosenheim-Salzburg.

Nicht erst wenn der Brennerbasistunnel in Betrieb geht, sondern auch wegen der anstehenden umfangreichen Bahnsanierungen wäre eine funktionsfähige ABS 38 eigentlich schon längst überfällig. Ebenso unverständlich ist, dass die östliche Nord-Südachse Rosenheim-Mühldorf-Landshut-Regensburg (und weiter ins Netz) nicht schon längst vollständig im vordringlichen Bedarf ist.

Es fällt leider auf, dass hier offensichtlich zum Nachteil einer schnelleren Verlagerung von Güterverkehr auf die Schiene und auf Kosten des Steuerzahlers manipuliert und gemogelt wird, um mit der Neubaustrecke als Brennernordzulauf ein prestigeträchtiges Jahrhundertbauwerk zu begründen. Wie sonst ist es möglich, dass die aktuelle volkswirtschaftliche Bewertung des Projektes ABS/NBS München-Kiefersfelden-Landesgrenze DE/AT auf der Grundlage von Zugzahlen berechnet wurde, ohne Züge der Relation München- Salzburg auf die ABS 38 über Mühldorf zu leiten (Schreiben des Bundesministeriums für Verkehr vom 13.01.26, Referat E21, Herr Gilka, mit weiterführenden Hinweisen zur Bewertung)?

Ebenso wird (warum wohl?) mit der Strecke Rosenheim-Mühldorf offensichtlich eine einfache und im Vergleich zur Neubaustrecke deutlich frühere Verkehrswirksamkeit für Güterzüge Richtung Norden übersehen. Mit dieser Verkehrsführung könnte eine dringend notwendige Entlastung der Engpässe Grafing-Trudering und des Knotens München erreicht werden.

Das ständig wiederholte Argument, Deutschland sei mit dem Brennernordzulauf in Verzug, weil sich die Fertigstellung der Neubaustrecke so lange verzögert und auch Italien schon viel weiter sei, ist völlig falsch. Die vorbildlichen Leistungen von Österreich und Italien mit dem Bau des Brennerbasistunnels sind unbestritten. Der Brennersüdzulauf, der vollständige viergleisige Ausbau der Strecke vom Brenner bis Verona ist mit fast 200 km Länge ein noch größeres Projekt als der Nordzulauf und in weiter Ferne. Der EU-Rechnungshof beurteilt in seinem aktuellen Bericht die Realisierungswahrscheinlichkeit dieses Ausbaus der Brennerachse in Italien als gering.

Als Bürger, Steuerzahler und Fachmann für große Eisenbahnprojekte offenbaren sich mir hier Defizite, die das Vertrauen in unsere verantwortlichen Politiker schwer erschüttern!

Wer den nach Inbetriebnahme des Brennerbasistunnels zunehmenden möglichen Mehrverkehr ohne Verzug auch auf deutscher Seite auf die Schiene bringen will, muss und kann dies bedarfsgerecht durch die Baustufen ABS 38, den östlichen Nord-Süd-Korridor und moderate Ausbaumaßnahmen auf der Bestandsstrecke München-Rosenheim-Kufstein erreichen.

Wenn in ferner Zukunft wirklich der Bedarf für einen schnellen Personenverkehr München-Verona (-Rom) durch eine Neubaustrecke wirtschaftlich begründbar sein sollte, dann wird dies durch die vorgeschlagenen bedarfsgerechten und kostengünstigen Maßnahmen nicht verhindert.

Mit freundlichen Grüßen Gerhard H. Müller Bundesbahndirektor a. D.