AllgemeinVerkehrspolitik

Ex-Chef der Schweizer Bahn zur Dauerkrise der Deutschen Bahn

Bereits im Leitartikel „Quo vadis Bahn“ in den GRV-Nachrichten, veröffentlicht im August 2023 (hier als PDF), beklagte Benedikt Weibel, Generaldirektor der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) von 1993 – 2006, die Dauerkrise der Deutschen Bahn:

Man muss es mit aller Klarheit benennen: Die Lage der DB ist die Folge eines kollektiven Versagens sämtlicher involvierter Organe: Aufsichtsrat und Vorstand der DB, Ministerium, Regierung, ja: auch des Rechnungshofes — der jahrzehntelang weggeschaut hat.

GRV-Nachrichten 2023

Die operativen Chefs der DB seien überwiegend branchenfremd gewesen, schlechte Nachrichten nach oben gefiltert worden, der notwendige systematische und offene Dialog mit den Mitarbeitenden sei vernachlässigt worden. Die anvisierte Fokussierungsstrategie „Starke Schiene“ bezeichnete Weibel — wie viele andere Lösungsansätze — als eine „weitgehend wirkungslose Worthülse.“

Der Ex-Generaldirektor stellte klar die Prioritäten heraus: Der Fokus müsse auf Sicherheit, Sauberkeit und Pünktlichkeit liegen, auf der Sanierung, Modernisierung und optimalen Auslastung des bestehenden Netzes sowie auf der Überprüfung aller Ausbauvorhaben und Konzentration auf Investitionen, die rasch zu verwirklichen seien und eine große Hebelwirkung hätten.

In einem aktuellen Interview des Filmregisseurs und Buchautors Klaus Gietinger mit Benedikt Weibel vom 14.01.2024 erklärt der Ex-Chef der Schweizer Bahn nun:

Deutschland ist kein Hochgeschwindigkeitsland, weil sich die ganze Demografie dafür nicht eignet. Hochgeschwindigkeitstrassen sind unglaublich teuer. Man kann sie nur für eine Zugskategorie nutzen.

Gietinger-Filme Interview mit Benedikt Weibel

Man könne theoretisch auch 230 Km/h im Gotthardtunnel fahren, aber die zusätzliche Energie sei unglaublich hoch. 200 Km/h genügten jedoch und hätten viel Potenzial.
Weiterhin bezeichnet Weibel den geringen Elektrifizierungsgrad der DB von nur rund 60 Prozent als eigentlich unglaublich und sieht die „Global Player-Attitüde“ als Teil der Misere der DB.
Mit Blick auf die in Deutschland geplanten Tunnelbauten und das europäische Klimagesetz mit dem Ziel, bis 2050 klimaneutral zu werden, konstatiert er schließlich:

Die geplanten Ausbauvorhaben sollte man sehr, sehr kritisch überprüfen und eine knallharte Kosten-Nutzen-Rechnung machen. Diese Großprojekte dauern viel zu lange, sie bringen nichts für das Zieljahr 2050.

Gietinger-Filme Interview mit Benedikt Weibel